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  • Bianca Nadine Köllner

Deep Listening als Quelle von Führung

Wann war dein letztes Gespräch, bei dem etwas Neues miteinander entstanden ist?


Vielleicht ist eine neue Idee oder eine Erkenntnis entstanden. Oder Du hast das erste Mal ausgesprochen, was Du schon wusstest? Mit wem hast Du dieses Gespräch geführt? Was war das Besondere an diesem Gespräch?


Für mich ist das Besondere in solchen „tiefen“ Gesprächen, dass mir jemand aktiv, konzentriert und bewusst zuhört. Ich kann reden, ohne unterbrochen zu werden. Ich werde wahrgenommen. Ein Raum entsteht miteinander, indem ich meine Gedanken und Gefühle in Worte fasse und in ihrer Komplexität erkunde und entfalte. Manche Aspekte meiner Gedanken werden mir nämlich erst im Reden bewusst.


Ich kann besonders gut denken und sprechen, wenn mir ein anderer Mensch bewusst zuhört und Interesse zeigt. Dann entsteht Neues.


Doch was hat Zuhören mit Führung zu tun?

Führen bedeutet gemeinsame Potentiale wahrnehmen


Führung kann als die Fähigkeit betrachtet werden, Zukunftspotentiale gemeinsam zu erspüren und zu realisieren. Doch wie entsteht zukunftsorientierte Führung? Wie nimmt man gemeinsam Potentiale wahr?


Die bewusste Ausrichtung der Aufmerksamkeit durch Zuhören bietet hierfür der Anfangspunkt. Zuhören schafft den Raum für das Entstehen von Neuem.


Und Neues wird aktuell benötigt. Neben den Herausforderungen in der Transformation von Organisationen, stehen wir weltweit vor sozialen, ökonomischen, ökologischen und zivilisatorischen Herausforderungen, die sowohl von Individuen, aber auch von Organisationen und Systemen enorme Innovationskraft verlangen. Die Wahrnehmung dieser Verantwortung in komplexen Ökosystemen von Partnerschaften und Netzwerken, etwa in Wertschöpfungsketten, Städten oder Wirtschafts- und Sozialsektoren fordert die gemeinsame Gestaltung von Veränderungen.


Führung wird benötigt, damit wir uns ausrichten können, damit wir gemeinsam wissen, wohin wir gehen wollen. Da aber die Herausforderungen komplex sind, reicht es schon lange nicht mehr aus hi­e­r­ar­chisch geführt zu werden, da zu viele Informationen verloren gehen. Das neue Führungsverständnis, welches im Kontext von Digitalisierung, agilem Management und New Work mit im Scheinwerferlicht steht, setzt auf flache Strukturen, kundenzentrierte Prozesse sowie kooperatives Verhalten und flexible Denkmodelle. Führung findet immer mehr selbstorganisiert im Team statt, und wird durch coachende Funktionen unterstützt (etwa durch Scrum-Master, Agile Coaches oder Design-Thinking Coaches).


Führung zu übernehmen ist somit in einer komplexen, agilen Organisation sowie in der Gesellschaft immer mehr Aufgabe von allen Beteiligten. Und wenn Führung die Fähigkeit ist Zukunftspotentiale gemeinsam zu erspüren und zu realisieren, stellt sich die Frage, wie man damit anfängt.


Die Veränderung des Führungsverständnis steht im Kontext von Digitalisierung, agilen

Soziale Beziehungen werden durch vier Handlungsarten gestaltet: Zuhören (micro), Kommunizieren (meso), Organisieren (macro) und Koordinieren (mundo). Kommunizieren, Organisieren und Koordinieren sind dabei ja sehr bekannt Konzepte, doch Zuhören?

Zuhören bedeutet etwas akustisch Wahrnehmbarem hinhörend folgen, ihm seine Aufmerksamkeit zuwenden. Zuhören generiert somit Aufmerksamkeit. Laut Otto Scharmer, Entwickler von Theorie U und Co-Founder des Presensing Insitute, können vier Muster von Aufmerksamkeit unterschieden werden:

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Je nachdem mit welchem Muster von Aufmerksamkeit wir unterwegs sind, entstehen somit unterschiedliche Ergebnisse. Und indem wir durch unsere Haltung des Zuhörens ein bestimmtes Aufmerksamkeitsmuster auf der Microebene generieren, sind die folgenden sozialen Beziehungen auf der Ebene von Kommunizieren, Organisieren und Koordinieren durch dieses Muster geprägt.

Bewusstes Zuhören kann unsere Aufmerksamkeit auf zukünftige Potentiale ausrichten


Soziale Beziehungen werden durch vier Handlungsarten gestaltet: Zuhören, Kommunizieren, Organisieren und Koordinieren. Kommunizieren, Organisieren und Koordinieren sind dabei ja sehr bekannt Konzepte, doch Zuhören?


Zuhören bedeutet etwas akustisch Wahrnehmbarem hinhörend folgen, ihm seine Aufmerksamkeit zuwenden. Zuhören generiert somit Aufmerksamkeit. Auf dieser Form der Aufmerksamkeit aufbauend finden dann die weiteren Handlungsarten statt. Anders ausgedrückt: Wenn ich aufmerksam zuhöre findet eine bewusstere Kommunikation statt, welche dazu führt, dass die Organisation klarer laufen kann und die Koordination verbessert ist.


Laut Otto Scharmer, Entwickler von Theorie U und Co-Founder des Presensing Insitute, können vier Muster von Aufmerksamkeit und Zuhören unterschieden werden:

  • Gewohnheitsmäßig: Ich bin in mir. Es werden bekannte Gewohnheiten und Denkmustern wahrgenommen, die auf früheren Erlebnissen basieren. Der Austausch findet wesentlich durch freundliche Phrasen statt, es wird bestätigt, was schon gewusst wird.

  • Faktisch: Ich bin im Es. Es werden neue Fakten und Daten sowie Irritationen wahrgenommen. Das Denken öffnet sich, Urteile werden zurückgehalten und Debatten mit differenzierten Standpunkten geführt.

  • Empathisch: Ich bin im Du. Situationen können aus der Perspektive von Anderen wahrgenommen werden. Das Herz öffnet sich, Standpunkte von Anderen werden im reflektierten Dialog erkundet und Situationen aus pluralen Perspektiven wahrgenommen.

  • Generisch: Ich bin gegenwärtig. Die Potentiale der Zukunft werden gemeinsam wahrgenommen. Die Willensbildung öffnet sich und durch einen co-kreativen Dialog entsteht Neues, auch indem alte Identitäten losgelassen werden.


Je nachdem mit welchem Muster von Aufmerksamkeit wir unterwegs sind, entstehen somit unterschiedliche Ergebnisse. Und indem wir durch unsere Haltung des Zuhörens ein bestimmtes Aufmerksamkeitsmuster generieren, sind die folgenden sozialen Beziehungen auf der Ebene von Kommunizieren, Organisieren und Koordinieren durch dieses Muster geprägt.

Aufmerksamkeit erfordert Achtsamkeit


Dieser Aufbau von Aufmerksamkeitsmustern erfordert somit Achtsamkeit. Achtsamkeit ist nach innen gerichtete Aufmerksamkeit. Denn nur wenn wir die Muster der eigenen Gedanken, Gefühle und Ideen, also den eigenen inneren Zustand, aufmerksam wahrnehmen, entwickeln wir die Fähigkeit, das Muster der Aufmerksamkeit für unsere Handlungen bewusst zu wählen. Dann können wir uns entscheiden, unsere Aufmerksamkeit bewusst faktisch, empathisch oder generative auszurichten.


Die Quelle von zukunftsorientierter Führung liegt somit darin, die eigene Aufmerksamkeit durch bewusstes Hinhören auszurichten. Aufbauend auf dieser Handlung entstehen alle weiteren sozialen Beziehungen. Anders gesagt: „Der Erfolg einer Intervention hängt vom inneren Zustand des Intervenierenden ab.“


Theorie U als soziale Technik für die Gestaltung von Veränderungen baut auf dieser inneren Quelle von Führung auf. Sie fragt, wie wir von der Zukunft her lernen können. Denn wie schon Einstein wusste: Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.


Über die Autorin


Bianca Köllner ist seit 2019 selbstständige Beraterin für Public Sector Innovation sowie die gemeinsame Gestaltung von systemischem Wandel und ganzheitlichem Lernen in Organisationen und Multi-Stakeholder Partnerschaften. Sie versteht sich dabei als Gestalterin und Facilitatorin von co-creativen Kommunikations- und Reflexionsräumen, sowie als Wegbereiterin für soziale Innovation und Nachhaltigkeit.


Sie hat sich in den vergangenen Jahren intensiv mit Theorie U, Generative Facilitation, Genuine Contact, Human-centered Design, Design Thinking, Lean-Start-up , Capacity WORKS, systemischer Organisationsentwicklung und Public Sector Innovation beschäftigte.


Bis 2018 hat sie 12 Jahre für die deutsche Entwicklungsagentur GIZ gearbeitet. Als Beraterin hat sie komplexe internationale Entwicklungsprojekte in globalen, regionalen und nationalen Umgebungen unterstützt und gestaltet. Zudem hat sie mehrere Jahre das Bundesministerium für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit beraten.


Sie hat Erziehungswissenschaft, Erwachsenenbildung, Gesundheitspädagogik, Soziologie und Psychologie in Münster, Freiburg und Gävle (Schweden) studiert.


Mehr Informationen unter: https://www.conscious-change.net

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